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Erinnern Sie sich noch an den “PISA-Schock”?
Nach den internationalen Schüler-Vergleichen der PISA-Reihe (PISA: Programme for International Student A
ssessment = Programm zur internationalen Schülerbewertung) verfiel man in operative Hektik: erst seitens der Medien, dann seitens der Kultusministerien. Der “PISA-Schock” zeigte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.
Nun können Schocks zwar zuweilen recht heilsam sein, doch dazu müsste man den Weg kennen, den man danach einzuschlagen hat.
Und genau da liegt das Problem. Man möchte es “wie die Skandinavier” machen; doch wenn
man sich die PISA-Ergebnisse vor Augen hält, stellt man schnell fest, dass Dänemark, Schweden und Norwegen eben nicht durchgehend besser dastehen als Deutschland. Aber wer weiß das schon?
Nun gut, man wird dann
auf Finnland verwiesen, und in der Tat ist Finnland von den PISA-Ergebnissen her nicht zu schlagen. So weit zur Theorie.
Jedes Kind bekommt irgendwann beigebracht, dass es bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen
möge. Doch genau das passiert bei den PISA-Folgerungen.
Wer der Ansicht ist, dass Schulen eines nur spärlich besiedelten (!) europäischen Randstaats mit nicht wesentlich voneinander abweichenden
Familienverhältnissen und einer überschaubaren Zahl von Einwanderern direkt mit denen des dicht besiedelten Zwangs-“Multi-Kulti”-Einwanderungslandes Deutschland vergleichbar sind, darf mich gern anhand nachprüfbarer
Fakten eines Besseren belehren.
Es ist noch gar nicht so lang her, da hatte uns das dreigliedrige Schulsystem weltwirtschaftlich Spitzenplätze beschert. Doch die Verhältnisse haben sich geändert: 1. Nicht
wenige Eltern versuchen, den Erziehungsauftrag auf die Schule abzuwälzen, und nehmen sich kaum noch Zeit für den Nachwuchs (ein befreundeter Lehrer geht sogar so weit, sie als “Kinder der Null-Bock-Generation” zu
bezeichnen). 2. Nicht wenige Lehrer schaffen es kaum noch, die Schüler zur Mitarbeit zu motivieren, weil sie selbst kaum motiviert sind oder weil ihre Autorität immer weiter untergraben wird. 3. Immer mehr
nicht-deutsche Schüler können oder wollen es nicht schaffen, sich im Unterricht - wenn schon nicht in die deutsche Kultur - zu integrieren, und bremsen den Rest der Klasse aus.
Immerhin haben die konservativ
regierten süddeutschen Länder bewiesen, dass man dieser Probleme durchaus Herr werden kann, und entsprechend haben sie “bei PISA” besser abgeschnitten - isoliert betrachtet hätte Süddeutschland dem Spitzenreiter
Finnland ohne weiteres “Paroli bieten” können. Das bestehende System scheint dort also zu funktionieren.
Mitunter gewinne ich den Eindruck, die PISA-Ergebnisse sind nur halbherzig interpretiert und nicht vor dem
Hintergrund der schulischen Realitäten gedeutet worden.
Sicherlich ist es eine gute Idee, dass die Schulen zueinander in Wettbewerb treten sollen und dafür die Personalhoheit erhalten, schulische Programme
erstellen dürfen und über eigene Budgets verfügen und diese auch verwalten. Eliteschulen und -universitäten sind gewollt und bringen den Absolventen Wettbewerbsvorteile. Doch wie viel Freiheit haben die Schulen
wirklich, wenn es regelmäßig Vergleichsarbeiten gibt und die Abschlussarbeiten vereinheitlicht werden? Und wieso dürfen Schulen nicht einfach neue Bücher nach eigenem Ermessen bestellen, sondern müssen sie ab einem
gewissen Auftragsvolumen europaweit (!) ausschreiben?
Immer wieder wird behauptet, es sei erforderlich, die Klassengemeinschaft so lange wie möglich zu erhalten. Doch warum sind “bei PISA” diejenigen Länder
besser gewesen, die entweder kürzere Klassenfrequenzen als Deutschland hatten, oder aber relativ lange Frequenzen, dann aber mit zusätzlicher Gruppenarbeit für Lernschwache? Gerade das soll doch sicherstellen, dass die
schlechteren Schüler “mithalten” können und die besseren Schüler eben nicht bremsen.
Nun soll etwa ein Viertel der deutschen Schulen zur Ganztagsschule “umgebaut” werden. Es besteht die Gefahr, dass die Schulen
dadurch zu erweiterten Kindergärten werden, in denen die Schüler nachmittags “aufbewahrt” werden. Werden die Schüler durch die Schule am Nachmittag leistungsfähiger oder einfach nur ausgelaugt? Sind Ganztagsschulen mit
dem bestehenden Lehrpersonal zu betreiben, oder muss man die Kollegien aufstocken? Wenn man bedenkt, dass die Schule dann den Mittelpunkt des Lebens der jungen Menschen ausmacht, benötigt man Lehrkräfte, die nicht nur
fachlich kompetent sind, sondern auch fundierte pädagogische Fähigkeiten aufweisen (wussten Sie eigentlich, dass Gymnasiallehrer keine “echten” Pädagogen sind?). Außerdem stellt sich die Frage, ob man die schulische
Einrichtung nicht auch um entsprechende Einrichtungen für die Jugendlichen erweitern sollte. Geben die schulischen Etats (Pardon, neuerdings Budgets) das alles her?
Trotzdem verweisen die Befürworter hierbei gern
auch auf die “positiven Erfahrungen” unserer Nachbarn, der Dänen, mit der “folkeskole”. Eigenartig ist nur, dass Dänemark “bei PISA” ähnlich wie Deutschland abgeschnitten hat, sich also im unteren Mittelfeld aufhält.
Diese “Glanzleistung” hat auch in Dänemark zu einem “PISA-Schock” geführt. Unter anderem wurde ein Schulvergleich eingerichtet. Das Ergebnis des so genannten Rankings ist für Befürworter der integrierten Gesamtschule,
der die “folkeskole” schon sehr nahe kommt, vernichtend: Die Schüler der “folkeskole” haben durch die Bank schlechter abgeschnitten als solche, die eine der etwa 450 Privatschulen besuchen. Offensichtlich ist nicht nur
der Bedarf nach einer “besseren” Schule als der Gesamtschule vorhanden, die anderen Schulen sind auch tatsächlich besser. Wer als Däne ein begabtes Kind hat und es sich leisten kann es auf eine “bessere” Schule zu
schicken, der tut es auch - und gewährt ihm damit gegenüber seinem Altersgenossen einen erheblichen Wettbewerbsvorteil! Im einigen Gegenden (zum Beispiel Frederiksberg oder Gentofte) besucht mehr als jeder Dritte eine
Privatschule (35 %), in der Hauptstadt selbst ist es immer noch fast jeder Fünfte (18 %). Die dänischen “Linken” bedauern das zwar, aber ihnen würde es nicht im Traum einfallen, solche Schulen (erst recht mit nur einer
Stimme Mehrheit) zu verbieten bzw. dem Volk die Einheitsschule ohne Alternative überzustülpen - das wäre nicht “Dänisch”. Ob solche alternativen Schulen im Sinne eines hohen Leistungsniveaus und um zu verhindern, dass
alle gleich wenig wissen, auch in Deutschland vorgesehen wären?
Es wird immer wieder das Argument angebracht, man müsse das Angebot sowohl an “aktuellen” Schulbüchern (und das nicht erst, seit man mit der “neuen
Rechtschreibung” für vollendete, teure Tatsachen gesorgt hat) als auch das an Schul- und Gemeindebibliotheken erweitern. Doch warum gibt es hierzulande prozentual mehr Haushalte mit fünfhundert Büchern als in Finnland,
obwohl ja Finnland im Textverständnis besser abgeschnitten hat? In Finnland weiß man, dass Lesen allein nicht ausreicht, sondern begleitende Gespräche erforderlich sind, um das Gelesene zu verarbeiten. Gilt hierzulande
das Prinzip “Masse statt Klasse”?
Traurig, aber wahr: In Deutschland gibt es die größten Leistungsbandbreiten der unter Fünfzehnjährigen, eine signifikante Abweichung der Leistungen von Jungen und Mädchen, und
eine hohe Korrelation zwischen sozialer Herkunft und schulischen Leistungen. Dass Besserverdienende eher in der Lage sind, ihren Kindern entsprechende Nachhilfe zu geben oder zu besorgen und sie auf “Elite-Internate” zu
schicken als andere, ist so hinzunehmen, nicht jedoch, dass Lehrer Schüler ungleich behandeln (ich weiß heute noch, wie negativ meine Tutorin seinerzeit über “die Gaardener” gesprochen hat). Doch auch einen weiteren
Aspekt sollte man hier beachten: Zuwanderer (mehrheitlich Jungen) fließen natürlich auch in die Statistik und somit “in PISA” ein. Die Schulen können keine Sozialisationsmängel ausgleichen, und überdies ist die deutsche
Einwanderungspolitik ein echtes Problem, da sie nicht zwischen Zuwanderern, die sich integrieren können und wollen, und solchen, die das nicht tun, unterscheidet. In den “klassischen” Einwanderungsländern wie
Australien, Kanada, Neuseeland oder den USA braucht man ohne Kenntnisse der Landessprache nicht einmal den Versuch der Zuwanderung unternehmen. Und in Deutschland? Dass Kinder, die nicht oder kaum Deutsch sprechen, in
der Schule schlechter sind als die anderen Schüler, liegt in der Natur der Sache. Überdies können solche Schüler die gesamte Klasse aufhalten und somit für weit schwerere Schäden sorgen.
Die Schule soll auf “das
Leben” vorbereiten, gern auch durch praxisorientierten Unterricht. Leider ist “das Leben” knallhart. Wenn man nun Versetzungen auch bei nicht ausreichenden Leistungen ermöglichen und Notenzeugnisse quasi abschaffen
will, werden viele Jugendliche während oder nach der Lehre bzw. des Studiums ihren “Lebens-Schock” erleben. Wollen wir unseren Jugendlichen das wirklich antun?
Liebe Verantwortliche, es gibt viel zu tun - und auch vieles zu überdenken. Packen wir’s an!
Herzlichst, Ihr Matthias Wagner |