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Aberglauben in der Weihnachtszeit
Ob besinnlich religiös, nostalgisch oder nüchtern modern - Weihnachten ist ein besonderes Fest. Das Weihnachtsfest ist gefeiert mit zahlreichen
Weihnachtsbräuchen, beispielsweise Weihnachtsbaum, Kranz, Sternsinger, Verwendung von Lichtern, Geschenken usw. Für den Großteil der christlichen Welt ist das Weihnachtsmahl der Höhepunkt der Feiertage. Das ist eine Zeit, in der Familien zusammenkommen und ein großes Festessen am Heiligen Abend teilen, meist nach dem Gottesdienst. Je nach regionaler Kochtradition kann die Speisekarte aus Gans, Buchweizenkuchen mit Sauerrahm, oder Truthahn mit Kastanien bestehen. Champagner, der sprudelnde, feierliche Trunk, der in der Champagnerregion erzeugt wird, wird sowohl zu Weihnachten als auch zur Neujahrsfeier genossen.
“Fetter Magen” nennt man den Heiligen Abend in Deutschland, da man sagt, dass diejenigen, die an diesem Abend nicht gut essen, in der Nacht von Dämonen heimgesucht werden. Die Deutschen genießen daher viele
verschiedene Gerichte wie Spanferkel, Makkaronisalat, Weißwurst und andere regionale Spezialitäten. Marzipan, Gewürzriegel und ein schweres, mit Früchten gefülltes Brot, werden als Nachtisch serviert.
Die Quadratur des Adventskranzes, oder: “Atheismus unterm Weihnachtsbaum”
Auch Atheisten und Religionskritiker mögen Bratäpfel, Marzipankartoffeln, Gänsebraten und Weihnachtsbäume, auch sie wollen Weihnachten
feiern. Um das Fest für sich und ihre anscheinend doch vorhandenen religiösen Bedürfnisse in Anspruch nehmen zu können, sind allerdings Selbsttäuschungen und nicht ungefährliche Verfälschungen erforderlich. Der
“nachchristlich-humanistische Sinn” des Christfestes wird in der angeblich “vorchristlichen Geschichte” des Festes, mit anderen Worten: wieder einmal in Sonnenwendfeiern und in sonstigem Brauchtum der “germanischen
Vorfahren” gefunden.
Einige werden sich noch erinnern, dass in Schulen in der damaligen DDR zur Melodie eines bekannten christlichen Weihnachtsliedes ein ganz anderer Text gesungen wurde: “Uralt”, nämlich schon
aus dem “1000-jährigen Reich” stammend und doch auch in der atheistischen Schule unverändert verwendbar: “Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud... Vom hohen Himmel ein leuchtendes
Schweigen erfüllt die Herzen mit Seligkeit.”
Umdichtungen sind nicht immer wahr. In Wirklichkeit bringt die Weihnachtszeit für Atheisten und Spötter anscheinend keineswegs “große Freud” und “Erfüllung mit
Seligkeit”, das “leuchtende Schweigen” birgt bohrende Fragen und tiefe Verunsicherung. Das kann den Versuch zeitigen, das nun einmal “unverwüstliche” christliche Weihnachtsfest, das, wie selbst der Neid gestehen muss,
alle Abschaffungsparolen souverän überstanden hat und wohl auch überstehen wird, geschickt umzuinterpretieren, um es in die eigenen Hände zu bekommen.
So wurde schon 1924 von links (!) her dem Christentum
mangelnde Anpassung an den nationalistischen Zeitgeist vorgeworfen, was neben anderem dazu berechtige, das Weihnachtsfest proletarisch umzuinterpretieren:
Der “Atheist und Kirchenkritiker” Dr. Dr. Joachim Kahl
möchte gern das christliche Weihnachtsfest “ohne weltanschauliche Bedenken” weiter feiern: Nicht mehr als Christfest, sondern als heiteres Fest der “Mittwinterzeit”, weil es eine lange “heidnisch-vorchristliche
Entwicklungsstufe” habe; denn schon “unsere germanischen Vorfahren feierten in den Tagen vor und nach der Wintersonnenwende das Julfest”. In Wirklichkeit hat das Christfest seine Vorgeschichte nicht in Deutschland (oder
Germanien). Selbst das “Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens”, 1938 (!) ist der Band mit Weihnachten erschienen, stellt einleitend klar: “Das kirchliche Fest der Geburt Christi ist wesentlich als fertiges Fest zu
den Germanen gebracht worden.”
Was schert den heutigen Brauchtumssucher aber solche Feststellung? Einen Bogen ums Christentum möchte man bei der eigenen Selbstvergewisserung machen, darum werden Anknüpfungen zum
“Vorchristlichen” gesucht und konstruiert.
Dass es tatsächlich schon einmal starke Bestrebungen gab, alles, was an christlichem Brauchtum “unverwüstlich” erschien, aus Germanischem abzuleiten, “als während der
Zeit des Dritten Reiches alles Germanische hoch im Kurs stand, ist leicht zu verstehen. Weniger begreiflich ist es, dass mit verbissener Hartnäckigkeit vor allem die populärwissenschaftliche Literatur an dieser Sicht
der Dinge festhält, obwohl sich eine Reihe von Fachvertretern mittlerweile um deren Revision bemüht hat. Fast willkürlich kann man neueste Werke zur Brauch-Thematik herausgreifen und wird auf das ‘Germanen-Syndrom’
stoßen” beklagt heute die wissenschaftliche Volkskunde.
Der Name des Festes Weihnachten sei ein “altes deutsches Wort”, das die “Geweihten Nächte” um die Wintersonnenwende herum bezeichne. Kahl: “Diese Nächte um
den 21. Dezember erschienen unseren germanischen Vorfahren geweiht, weil in dieser dunkelsten Zeit des Jahres der lebensspendende, lebenssichernde Umschlag erfolgt: eben die Wintersonnenwende, mit der der Sieg der Wärme
über die Kälte sich anbahnt.”
Oft schon wurde behauptet, “Weihnachten” sei ein Plural und beziehe sich auf “geweihte Nächte” zwischen Wintersonnenwende und Jahreswechsel. “ze den wihen nahten” laute dies
geheimnisvolle heidnische Wort ursprünglich. Aber dass eine falsche Behauptung immer wieder wiederholt wird, macht sie noch lange nicht wahr. Bisher konnte das Wort nirgends in “heidnischem” Gebrauch belegt werden. 813
war das Christfest von der Mainzer Synode zum verbindlichen Feiertag auch in Deutschland erklärt worden, nachdem es bereits 381 durch Konzilsbeschluss als allgemeines kirchliches Fest dogmatisiert worden war. Der erste
Beleg des deutschen Wortes “Weihnachten” für das Christfest findet sich aber erst im Mittelhochdeutschen, in der Einzahl bei dem bayrischen Spruchdichter Spervogel, in einem Gedicht von 1190, also ca. 1.000 Jahre
nachdem Christen in Mainz und Trier, in Augsburg und anderswo lebten und begannen, ihre Feste zu feiern.
In dem Gedicht Spervogels heißt es: “Er ist gewaltic unde starc, der ze wîhen naht geborn wart:
daz ist der heilige krist. jâ lobt ihn allez, das er ist. niewan der tievel eine durh sînen grôzen übermout sô wart îme diu helle ze teile.” (nur der Teufel nicht, durch seinen großen
Übermut wurde ihm die Hölle zu teil).
Wie angesichts eines so eindeutig christlichen (und späten) Erstbelegs eine heidnische Herkunft des Wortes “Weihnachten” behauptet werden kann, ist rätselhaft. Es gibt nun
einmal keinen Beleg für eine frühere Verwendung des Wortes in nichtchristlichem Zusammenhang. Es ist auch nicht von Nächten, sondern von einer, der “Weihenacht” die Rede. Möglicherweise handelt es sich um den Versuch,
das lateinische nox sancta = geweihte Nacht wiederzugeben.
Kahl behauptet: “Unsere germanischen Vorfahren feierten in den Tagen vor und nach der Wintersonnenwende das Julfest mit Julschmaus und Julbier. In der
dunkelsten Zeit des Jahres feierten sie die bevorstehende Rückkehr des Sonnenlichtes, das Nahen war ein Fest des Lichtes, der Freude, der Hoffnung, der Fruchtbarkeit. Es war ein Fest der Einheit von Sonne und Erde, der
Einheit von Mensch und Natur, ein Fest der Versöhnung der Menschen untereinander. Den wilden Tieren in Feld und Wald wurde Futter hingestreut. Streitereien und Kämpfe wurden ausgesetzt - eine Verhaltensweise, die
Julfrieden genannt wurde.”
Der gehobene, feierliche Stil der Ausführungen kann nicht über ihre Substanzlosigkeit hinwegtäuschen: Die Hypothese, ein germanisches Fest, das Julfest, sei christlich ausgefüllt und
umfunktioniert worden, war von Germanentümlern und zuletzt von übereifrigen NS-Volkskundlern immer wieder zu hören. Jedoch: Das Julfest, das skandinavische Mittwinterfest wird erst im Jahre 940 (also im Mittelalter!)
von Hakon dem Guten von Mitte/Ende Januar auf den Tag des Christfestes am 25. 12. verlegt. Der christliche Herrscher verlegte damit den Mittwinterschmaus, zu dem er seine Lehensleute wohl einzuladen hatte, vom alten
Julfest- und Mittwinter-Termin nämlich Mitte/Ende Januar auf den 25. Dezember vor, nicht umgekehrt.
Schon terminlich setzt sich also - auch in Skandinavien - gerade das neue, inhaltlich starke Fest gegen ein
altes Fest durch. Es ist nicht das Mittwinterfest, sondern ersetzt es.
Kahl will allerdings nicht nur angebliche Festinhalte unserer “germanischen Vorfahren” in sein Weihnachtsfeiern als “nachchristlicher, ja
nachreligiöser Atheist” hineinnehmen, sondern verständlicherweise auch die christliche Weihnachtsbotschaft “Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen” beerben, freilich will er die “humanistischen Elemente des
Festes aus ihrem religiös-mythologischen Zusammenhang” befreien. Darum will er nicht länger die “Menschwerdung Gottes, sondern die Menschwerdung des Menschen, für den der Friede die entscheidende gesellschaftliche
Bedingung ist”, feiern, und damit einen Frieden, der nicht von oben kommt, der nicht geschenkt wird, sondern “nur als Resultat einer gewaltigen Anstrengung von Millionen von Menschen errungen werden” kann.
So
liegt es für Kahl dann auch nahe, dass der “sinnliche Mittelpunkt eines so verstandenen Weihnachtsfestes” statt der Krippe der Lichterbaum ist, “die harmonische Vereinigung von lebendigem Grün und Licht, die Verbindung
des Grüns der Vegetation mit dem hellen Glanz des Sonnenlichts. Der Baum ragt zum Himmel, nach oben, zum Licht, zur Sonne. Seine Wurzeln sind im Erdreich, in der Tiefe, im Finstern verankert. Beides gehört wesentlich
zum Baum dazu. Das sinnlich Wahrnehmbare des Baumes ist nur ein Teil, die Wurzeln müssen verborgen sein, soll der Baum nicht verdorren. Diese ökologischen Zusammenhänge schwingen in der erhaltenswerten Sitte des
Weihnachtsbaumes mit.
(Bleiben nicht die Wurzeln des abgesägten Weihnachtsbaumes normalerweise im Erdreich des Waldes verankert? Wo bleiben da die mitschwingenden ökologische Zusammenhänge? Oder benutzen
“Humanisten” stets Christbäume mit Wurzelballen im Blumentopf?)
Natürlich hieß es vom Weihnachtsbaum schon oft, er sei uralt und germanisch. Auch dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Jedenfalls gibt es in der
biblischen, der jüdisch-christlichen Tradition eine alte Baumsymbolik, die mit dem Paradiesbaum zu tun hat. Vermutlich war wohl auch den “alten Germanen” der Baum als solcher lieb und wert. Jedoch wird der Christbaum
von der Brauchtumsforschung heute vor allem auf die Paradies- und Christgeburtsspiele, in denen “nach reformatorischer Praxis ein Bäumchen getragen wurde, das den typologischen Bezug zum Kreuzesstamm und Baum der
Erkenntnis versinnbildlichte. (...) Von daher versteht sich der Christbaumschmuck als säkularisiertes Requisit der nachreformatorischen Weihnachtsspiele.”
Kahl endet damit, zu konstatieren, Weihnachten sei ein
“unverwüstliches Fest”, denn “es entspringt einem gesellschaftlichen Bedürfnis von Menschen aller Altersstufen. Es entspringt dem Bedürfnis, sich in der dunkelsten und kältesten Zeit des Jahres mit einer Fülle von
Symbolen und Utensilien das Licht und die Wärme zu vergegenwärtigen, die die Menschen zum Leben brauchen, um zugleich ihrem Leben eine geistige Orientierung über den Tag hinauszu verleihen.”
Gerade gegen solche
Verflüchtigung ins Ideale und Unhistorische, und damit ins Unverbindliche, gegen die Bestreitung der “Inkarnation” (= “Einfleischung”) setzte sich in der Kirche recht früh die starke Betonung der Leibhaftigkeit und
Menschlichkeit Jesu durch - und damit auch das Fest, das seine Geburt feiert.
Dass er durch den umgekehrten Vorgang, nämlich durch Entgeschichtlichung und Mythologisierung eines geschichtlichen Festes, durch
seine Einbettung in angebliche Uralt-Geschichte und in das vermeintliche “gesellschaftliche Bedürfnis von Menschen aller Altersstufen” nun gerade “die humanistischen Elemente des Festes aus ihrem religiös-mythologischen
Zusammenhang” befreie(!), gehört zum Elend der kahlschen Sonderform von Atheismus.
Durch Sonnenwendfeiern - ob nun im Sommer oder im Winter - vermag man dem menschlichen Leben “geistige Orientierung über den Tag
hinaus zu verleihen”; das kann mit Blick auf die deutsche Geschichte leider nicht völlig bezweifelt werden. Was aber ist der Inhalt solcher “geistigen Orientierung über den Tag hinaus”? Die Anbetung des verzehrenden
Feuers als Symbol für das “Stirb und Werde”? Die wohl eher mythische “Vergangenheit unserer germanischen Vorfahren” oder die nicht weniger mythischen “glänzenden Aussichten einer durch die gewaltige Anstrengung der
Millionen geschaffenen Zukunft?”
In einem Bericht über eine Sommersonnenwendfeier in Berlin am 24. Juni 1930 heißt es zum Beispiel: “Das Sonnenwendfeuer, das das Alte, Verdorrte verbrennt, wird zum Symbol. Auch
die überalterten, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Formen werden zerstört. Dem arbeitenden, werteschaffenden Menschen gehört die neue Zeit. (...) Die Sonnenwendfeier verbrennt das Alte, aber es leuchtet ebenfalls
in eine bessere Zukunft.”
Wer dem Fest mit der Krippe und dem Jesuskind seine -historische!- leuchtende Mitte nimmt, um derentwegen es entstanden ist, und um die herum sich seine Bräuche gebildet haben, bei dem
wird unter der Hand aus dem internationalen, grenzensprengenden, erleuchtenden Christfest die dunkle, mythologisch aufgeladene, angeblich germanische Winternacht mit ihrem Mummenschanz und ihren Bränden. - Wenn das
Christfest zum Sonnenwendfest gemacht wird, dann kann, wie es auch schon geschehen ist, selbst der Adventskranz, ursprünglich nur gemacht, um an den vier Kerzen die vier Sonntage vor dem Christgeburtsfest abzuzählen,
zum tiefsinnigen, jedoch recht hakligen Symbol des Sonnenrades umgedeutet werden.
Man landet also nicht bei Licht, Sonne und Freiheit, sondern im Dumpfen und Dunklen, beim ideologischen Konstrukt einer Religion
der Vorfahren - wie die Wurzeln des freidenkerisch neu interpretierten Weihnachtsbaums zwar abgesägt, aber “in der Tiefe, im Finstern verankert”. Ob eine solche Sicht mit der “atheistischen Weltanschauung im Einklang
steht”, einen “neuen, nach-christlich-humanistischen Sinn” hat, mag dahinstehen; jedenfalls harmoniert sie zugleich auch mit dem Wabern und Fühldenken germanomaner Spurensucher, Spökenkieker und Zündler.
Quelle: Berliner Dialog 4-96
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