Kirche in Gaarden
Raunächte

Bräuche in den Raunächten

Fast vergessen sind heute die Bräuche in den so genannten Raunächten zwischen 24. Dezember und 6. Januar. In der Dunkelheit und Kälte um den Jahreswechsel konnte in früheren Zeiten der Glaube an den Frühling leicht verloren gehen. Mit beschwörenden Gebeten und Zaubermitteln versuchten daher die Menschen einst, die unwirtlichen Elemente zu bannen. In Bayern gingen an Heiligabend Bauern mit rauchenden geweihten Kräutern segnend durch Stall und Haus, berichtet die Brauchtumsforscherin und Autorin Johanna Woll aus Waldenburg (Hohenlohekreis).

In Hohenlohe gibt es den „Pelzmärte“, eine raue, Furcht einflößende Gestalt, die das Christkind an Heiligabend zur Bescherung der Kinder begleitet. In einer hohenlohisch-bayerischen Grenzgemeinde ziehen „Rollerbuben“ lärmend in verwegene Kostüme gekleidet durch den Ort. Der Segen und die Konfrontation mit dem fassbar gemachten Bösen sind nach Auffassung der Forscherin die wichtigsten christlichen Aussagen der Raunächte.

Menschen erlebten in ihrer Armut über Jahrhunderte diese dunkle Zeit jedoch als so bedrückend, dass sie noch eine gehörige Portion Aberglauben ins Brauchtum mischten. Deshalb habe sich der Nationalsozialismus leicht der Raunächte bemächtigen können, erklärt Woll. In den 30er Jahren sei der Bezug zu angeblich germanischen Bräuchen propagiert worden.

Viele Verbotsregeln, die in den Raunächten oder “Zwölfnächten” einst galten, führt die Brauchtumsforscherin auf das Bedürfnis zurück, eine Arbeitspause zur Besinnung zu haben. Zwischen Heiligabend und Epiphanias durfte nicht Wäsche gewaschen werden, Haare durften nicht geschnitten werden, der Spinnrocken der Mädchen und Frauen musste leer bleiben. Erbsen durften nicht gegessen werden, weil sie eine kelchähnliche Zeichnung tragen, ein Leidenssymbol Christi.

Den Tieren sollte es besonders gut gehen. Sie erhielten Heu, das um Mitternacht drei Mal um die Kirche getragen worden war, in manchen Regionen auch Krippenheu. Am Epiphanias-Tag wurde Salz gesegnet, das ihnen das ganze Jahr Gesundheit bringen sollte. Joche, die an diesem Tag in die Sonne gelegt wurden, sollten das Jahr über die Zugtiere weniger drücken. Bäume, die an Heiligabend um Mitternacht geschüttelt oder in Stroh gepackt wurden, sollten reich Früchte tragen. In den “Zwölfnächten” versuchten Menschen auch, einen Blick in die Zukunft zu werfen, und sie pflegten Geselligkeit. An Heiligabend war Wachsgießen beliebt, am Altjahrsabend das Bleigießen. Die auch „Lostage“ genannten Raunächte sollten das Wetter der folgenden zwölf Monate spiegeln. Drei Messer, in einen Brotlaib gesteckt für Getreidefrucht, Obst und Wein, sollten durch ihr Anrosten zeigen, welche Ernte besonders reich ausfallen werde. Tiere und selbst der Birnbaum am Haus sollten in der Heiligen Nacht prophetisch reden können, meinten die Menschen.

Segen, Geschenke und auch die Konfrontation mit dem Bösen hätten heute durchaus noch Berechtigung, sagt Woll. Schmunzelnd verweist sie jedoch auch auf Bräuche, die mit Recht in Vergessenheit gerieten. Etwa dass im Raum Bad Mergentheim das Waschen der Füße in den Zwölfnächten streng verboten war. Und im Oberamt Crailsheim galt: Wer in der Christnacht stiehlt und nicht entdeckt wird, der könne das Jahr über noch mehrfach unentdeckt stehlen.

 

Jesus Christus spricht: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
(Jahreslosung 2012; 2. Korinther 12, 9)