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Armut hat viele Gesichter
Langsam bekommen es alle mit. Die Deutschen müssen den Gürtel enger schnallen. Selbst die einst so vielbeneideten Beamten klagen über Gehalts- und
Pensionskürzungen und verlängerte Arbeitszeiten. Und gelernte Facharbeiter merken, dass es zum alten Gehalt fast unmöglich geworden ist, einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen.
“Lohndumping” ist heute ein immer
weiter um sich greifendes Phänomen. Und dabei können die, die einen Arbeitsplatz haben, noch froh sein. Denn immer mehr Menschen finden keinen Arbeitsplatz mehr. Und der Verlust des Arbeitsplatzes ist immer verbunden
mit dem Verlust von Einkommen. So bleibt manchem, besonders nach langer Arbeitslosigkeit, oft nur noch das Nötigste zum Leben. Und besonders in Gaarden wird das deutlich bemerkbar.
Das lässt sich schon an der
Schlange vor der Lebensmittelausgabe der “Kieler Tafel” erkennen. Noch vor einigen Jahren gab es in Gaarden nur eine Ausgabestelle an der St.-Johannes-Kirche. Und dort
wurden einmal die Woche Lebensmittel an ungefähr 150 bis 200 Bedürftige verteilt. Zwischenzeitlich gab es eine zweite Ausgabestelle in der Stoschstraße, den Laden der “Kieler Tafel”, und inzwischen ist die “Kieler
Tafel” in der Soziakirche St. Matthäus zu Hause, wo an vier Tagen Lebensmittel verteilt werden. Und die Mitarbeiter der Kieler Tafel bestätigen, was jedem Passanten sofort auffällt: “Die Zahlen haben sich drastisch erhöht. Wir verteilen an in Gaarden jede Woche an ca. 500 Personen Lebensmittel.”
Auch Jan Hölzel bestätigt diesen Eindruck. Er ist Mitarbeiter bei “Hempels” und betreut seit Jahren den Mittagstisch der Gaardener Kirchengemeinde. Davor war der gelernte Schlosser selbst fünf Jahre arbeitslos.
“Es werden immer mehr, die unseren Mittagstisch und die anderen Mittagstische in Kiel in Anspruch nehmen. Und sie werden immer jünger”, bemerkt Jan Hölzel. “Viele kommen nach der Schule oder Ausbildung ja gar nicht erst
in den Arbeitsmarkt. Und viele rutschen dann auch ab, landen bei Drogen und Alkohol.”
Aber “Drogen und Alkohol” sind nicht die einzigen Risiken der Arbeitslosigkeit. Viele leiden auch darunter, dass der Tag keine
Struktur mehr hat. “Ich bin oft den halben Tag im Bett geblieben. Wozu sollte ich denn noch aufstehen?” stellt Sven fest. Heute ist er regelmäßiger Gast beim Mittagstisch in der Oldenburger Straße, hat dort Freunde
gefunden und bemüht sich, auch anderen wieder auf die Beine zu helfen.
Auch Rainer ist regelmäßiger Gast beim Mittagstisch. Der gelernte Berufskraftfahrer hat sich entschlossen, den Kampf gegen die
Arbeitslosigkeit aufzunehmen. “Ich versuche jetzt, mich selbständig zu machen. In Zusammenarbeit mit der Firma G. versuche ich, einen Kurierservice zu gründen. Ich muss aus der Situation herauskommen. Ich will nicht
ewig an der Armutsgrenze leben.”
Dass der Weg hinaus sehr lang sein kann, ist ihm dabei durchaus bewusst.
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